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Lebendige theologische Debatte

Buchbesprechung von Stefan Silber

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Die Theologie der Befreiung lebt. Die zwölf theologischen Beiträge und ebenso vielen Gedichte aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas, die von den Herausgeberinnen gesammelt wurden, belegen diese Tatsache auf eine vielfältige und packende Weise. Sie zeigen auch, dass die Theologie der Befreiung nicht nur ihrer ursprünglichen Berufung treu geblieben ist, sondern Konsequenzen für die Problematik des Geschlechterverhältnisses, für den Rassismus und für die Bedrohung der indigenen Kulturen gezeitigt hat. Ethnische, kulturelle, interreligiöse und feministische Gesichtspunkte werden zunehmend mit der klassischen wirtschaftlichen Perspektive der Theologie der Befreiung verwoben und mit biblischen, systematischen und pastoraltheologischen Instrumenten interpretiert.

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Die Herausgeberinnen lassen in diesem Band katholische und evangelische Autorinnen und Autoren mit aktuellen Veröffentlichungen (von 1999 bis 2004) zu Wort kommen. Fast alle Beiträge sind von der Auseinandersetzung mit der Genderthematik, der feministischen Theologie oder ökofeministischen Standpunkten gekennzeichnet. Ausgehend von je verschiedenen Kontexten und Erfahrungsbereichen zeichnen sie ein plurales und vitales Bild der gegenwärtigen Theologie der Befreiung. Ihre Erstveröffentlichung in deutscher Sprache bringt uns in Kontakt mit diesen aktuellen kreativen Entwicklungen. 

Nach einem Vorwort von Sabine Plonz leitet Bärbel Fünfsinn in das Buch ein, indem sie den Gender-Begriff vorstellt und die einzelnen Beiträge innerhalb der Theologie der Befreiung kontextualisiert. Elsa Támez beschreibt in ihrem ersten Beitrag die doppelte Marginalisierung der Frauen in Lateinamerika und setzt sie in Beziehung zu einem prophetischen Text aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja. Die brasilianische Bibelwissenschaftlerin Nancy Cardoso Pereira wirft einen kritischen Blick auf die Rolle der Frauen im Buch Exodus und zeigt, dass die gesellschaftliche Rolle der Frauen, wirtschaftliche Armut und politische Unterdrückung nicht nur eng miteinander verwoben sind, sondern dass schon in der Bibel versucht wird, sie theologisch zu legitimieren. Sandra Nancy Mansilla aus Argentinien demonstriert an einem Vergleich der Juditerzählung mit der Geschichte der Mütter von der Plaza del Mayo, dass biblische und aktuelle Ereignisse sich gegenseitig erhellen können, wenn sie aus der Perspektive marginalisierter Frauen gelesen werden.

Enge Beziehungen zwischen sexueller Gewalt und Theologie zeigt die Kolumbianerin Carmiña Navia Velasco in ihrem Beitrag auf, der den patriarchalen Gehalt bestimmter Theologien aus der Sicht der Opfer kritisiert. Von ihr stammt auch ein Großteil der Gedichte, welche die Beiträge ergänzen.

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Der inzwischen verstorbene argentinische Bibelwissenschaftler Severino Croatto analysiert verschiedene Redensweisen von Gott im Hinblick auf ihre Geschlechtlichkeit. Silvia Regina da Lima Silva, brasilianische Theologin in Costa Rica, zeigt neue theologische Perspektiven aus der Sicht afroamerikanischer Frauen, indem sie mit dem Symbol der „Wegkreuzung“ zu Begegnung, interreligiösem Dialog, Ganzheitlichkeit und Solidarität aufruft.

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Diego Irarrazaval reflektiert die Bedeutung von Kultur und Geschlecht für die Theologie, während der Brasilianer Adilson Schulz Geschlechtlichkeit in der Theologie aus der Perspektive von Männern behandelt. María P. Aquino zeigt enge Verbindungen zwischen feministischer und Befreiungstheologie in Lateinamerika auf. Die Bolivianerin Alcira Ágreda stellt in einem Interview mit Mary Judith Ress ihre Lebensgeschichte in den Kontext des Dialogs zwischen Theologie der Befreiung und Ökofeminismus. Eine fundamentale Kritik patriarchaler Theologie trägt die Brasilianerin Ivone Gebara bei. Elsa Támez schließt den Band mit einem fingierten Brief einer Mitarbeiterin des Apostels Paulus, in dem sie die Geschichte der Frauen und der Theologie der Befreiung in Lateinamerika reflektiert. 

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Die Theologie der Befreiung entwickelt sich fort. Neue Subjekte, neue Themenbereiche und neue Konkretisierungen der Armut lassen die Option für die Armen fortleben und greifbarer werden. Durch den Dialog mit zahlreichen Theologien aus aller Welt können vielfältige Wege der Befreiung, aber auch neue Horizonte beim Sprechen von Gott aufgezeigt werden. Dieses Buch ist ein wertvolles Dokument für das Studium der gegenwärtigen theologischen Entwicklungen in Lateinamerika.

Der Beitrag ist zuerst in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (Nr. 131, 2006) erschienen.

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Freddy Dutz – Bärbel Fünfsinn – Sabine Plonz (Hg.): Wir tragen die Farbe der Erde. Neue theologische Beiträge aus Lateinamerika (Blaue Reihe 10), Hamburg: Evangelisches Missionswerk EMW 2004, 240 S. ISSN: 1436-2058; Bezug ist kostenlos; Spenden erwünscht. 

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Rezension

Wir tragen die Farbe der Erde - Neue theologische Beiträge aus Lateinamerika 

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