Bobby, Chick & Bertold

Bobby Mc Ferrin ist ein Stimmakrobatiker erster Klasse. Er benutzt seinen Körper und seine Stimme so als ob er ein ganzes Orchester in sich wohnen hat. Mit seinem Freund, Chick Corea, einem begnadeten Jazzpianisten, trat er zusammen im Juli 2012 in Hamburg in der Musikhalle auf. Beide Musiker haben jahrzehntelange Bühnenerfahrung und sind Weltstars.

Zu meiner großen Freude erhielt ich zwei Karten für dieses Ausnahmekonzert geschenkt. Mit meinem Pianistenfreund Bertold spazierte ich in froher Erwartung zum Auftrittsort. Vorher hatte ich Bertold noch geraten, sich etwas schicker zu kleiden und die kurze Hose mit einer langen zu tauschen. Wir saßen auf sehr teuren Plätzen, Parkett, 20. Reihe. Die großen Musiker kamen völlig entspannt auf die Bühne geschlurft, Bobby in alter Jeans und weißem T-shirt, Chick trug immerhin ein Hemd. Handtücher hatten sie auch dabei und kleine Plastikwasserflaschen. Mmh, so dachte ich, die können es sich leisten, in dem ehrwürdigen Musikhaus so auszusehen. Zu Beginn plauderten sie scheinbar vertraut miteinander, als würden sie sich in ihrem Hobbykeller treffen und klären, womit sie beginnen wollten.

 

Sie sangen und spielten professionell, improvisierten und ließen sich gegenseitig Raum zur Entfaltung. Alles sehr gekonnt und locker. Das Publikum feierte sie begeistert. Ich wartete immer noch auf den besonderen Kick, da sie mir zu relaxed bei der Sache waren. Nach der ersten Hälfte fragte Bobby Mc Ferrin, wer mit ihm auf der Bühne singen wollte. Viele Hände gingen nach oben. Ein Mann wurde ausgewählt und musste allein beginnen. Bobby stieg schon bald mit seiner Stimme ein, so dass der Sänger aus dem Publikum wenig Zeit hatte, sein Können zu zeigen. Danach fragte Bobby, wer nun mit Chick am Klavier spielen würde. Ich bedrängte Bertold, den ich als Superpianisten schätze: „Melde dich, das kannst Du!“ Es stand jedoch schon eine junge Frau auf der Bühne, die die Frage nicht verstanden hatte. Sie wollte auch singen. Okay, es wurde gemeinsam kurz improvisiert. Bobby schien allerdings keine große Lust mehr darauf zu haben und verabschiedete sie baldigst.

Er wiederholte die Frage nach einem Pianisten. „Bertold, geh doch. Da meldet sich niemand. Du bist gut!“ So mein Reden unterstützt vom kräftigen Drücken seines rechten Oberarms. Bobby wartete geduldig, vielleicht auch in dem Wissen, hier kann niemand mitziehen. Bertold wagte es! Aus der hinteren Reihe, mit hochgekrempelten Ärmeln und zum Glück einer langen Hose, ging er zur Bühne. Ich wurde unterdessen von Bertolds Sitznachbar in der Reihe gefragt, ebenfalls ein Musiker: „Kann er wirklich spielen?“ „ Ja, kann er.“ Bobby begrüßte Bertold und flezte sich auf seinen Stuhl mit dem Rücken zum Flügel. Chick wiederum erhob sich gar nicht vom Klavierstuhl, sondern rückte nur für Bertold etwas zur Seite. Rund 1000 Menschen wunderten sich, wer hier dem gestandenen Pianisten Chick Corea am Flügel die Stirn bot. Später in der Zeitung hieß es: „Irgendein Bertold aus Bielefeld“.

Dieser Mann aus Bielefeld ist auch Jazzer mit Leib und Seele. So ließ er seine rechte Hand diverse, kreative Läufe spielen, während die linke superschiefe bzw. komplexe Harmonien legte. Die Überraschung gelang. Selbst Bobby regte sich plötzlich auf seinem Stuhl und staunte, was da für Tastenmusik erklang. Das Publikum reagierte mit tosendem Applaus. Chick spielte schnell mit rechts ein paar Läufe dazu, da er Bertold nicht länger den Flügel allein überlassen wollte.

 

So kann es gehen. Nicht, dass Bobby und Chick sich danach mehr bemühten. Bertold und ich waren zufrieden und stolz. Hatten wir bzw. ja nun eher Bertold es den Superstars gezeigt, dass da noch andere mit ihrer Musik eine Halle zum  Ausrasten bringen können.

Das Angenehme bei Bertold ist, dass er sein – meist viel kleineres – Publikum wirklich wertschätzt.

 

August 2020

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