Sitzen in der Stille - Friedensarbeit?

"Ich muss noch kurz die Welt retten und 148 Mails checken“, singt Tim Bendzko. Wir alle wissen, dass es so nicht geht. Allerdings erliege ich manchmal der Idee, ich könnte die Welt retten oder zumindest dabei helfen, indem ich Protestmails schreibe, Artikel schreibe, demonstriere etc. Es kommt auf mich und mein

Handeln an. Mit diesem Gedanken bin ich nicht groß geworden. Da hieß es eher: „Ach ich bin viel zu wenig … bin eine welke Blum.“ Durch die Begegnung mit lateinamerikanischen ChristInnen in den 80er Jahren, die Diktaturen erlitten und teilweise besiegt hatten, rückte für mich das „Tun des Guten“ (Matth 25), das „Bauen am Reich Gottes“ in den Mittelpunkt. Bis heute kämpfen die Menschen dort um Menschenwürde, um gerechte Verteilung und ein „Haus“, wo alle Platz haben. Eine große Aufwertung meines eigenen Denkens und Tuns ging damit einher. Ich war keine welke sondern eine schöne Blum. Meine Hände wie die von anderen - die Hände des Messias oder die Hände Gottes. Auch mich, genau mich, braucht Gott und will mich brauchen. Davon bin ich weiterhin überzeugt.

 

Allerdings rette ich oder retten wir die Welt nicht. Das, was ich tun kann, ist immer zu wenig. Die brasilianische Theologin Ivone Gebara spricht von der „Transzendenz des Bösen“. Das ständig neu entstehende Unrecht ist so mächtig, allgegenwärtig, dass all unser Handeln scheinbar nichts oder sehr wenig bewirkt. Angesichts von Kriegen, Aufrüstung, Flüchtlingsdramen überkommen mich ab und zu Verzweiflung und Resignation.

 

Die Übung

Durch Freundinnen kam ich zum „Sitzen in der Stille“ bei der Zenmeisterin und Pastorin im Ruhestand Gundula Meyer. Seit fast dreißig Jahren leitet sie Menschen an,nach innen zu gehen, sich in die Stille zu begeben (www.ohofzendo.de, www.oase-der-stille.org). In sogenannten Sesshins oder „Oasentagen“ sitzen wir jeweils 25 Minuten in der Stille, gehen fünf Minuten, und sitzen wieder, unterbrochen von Essenspausen, von morgens bis abends. Durch äußerliche Unbeweglichkeit versuchen wir, den Geist zur Ruhe zu bringen. Dabei folgen wir „nur“ dem Atem.

 

Die Übung des Sitzens in der Stille ist ein Üben des Loslassens. Mit dem Ausatmen lasse ich los, mit dem Einatmen werde ich wieder neu. Es geht darum, so Gundula Meyer, das Ego loszulassen. Dazu zählen auch feste Konzepte und Vorstellungen davon, wie die Welt und wie ich sein sollte. Fromm gesagt, sitzen wir vor Gott und überlassen uns dem Wirken der heiligen Geistkraft. „Leer“ werden, frei werden – das bedeutet ein ständiges Üben.

Gundula Meyer ist der Überzeugung, dass ein längeres Praktizieren nicht einfach ein physisches Geschehen bleibt, sondern es eine größere Dimension des Loslassen-Könnens gewinnt. Und das dient dem Frieden, dem „Shalom“. Ihr japanischer Lehrer, Yamada Kôun Roshi, sagte: „Wenn wir täglich zehn Minuten in der Stille sitzen, zünden wir für zehn Minuten ein Licht in der Welt an“. Diese homöopathische Dosis von Stille wirkt in der Welt, denn alle und alles sind miteinander verbunden. Umgekehrt gilt das auch, wie der folgende Spruch klar macht: Wenn im Amazonas-Urwald ein Baum abgeholzt wird, ändert sich in Japan das Wetter.

 

Das ständige „Sich-Hinhalten“ führt Menschen dazu, sich zurücknehmen zu können, d.h. nicht, sich klein(er) zu machen. Sie werden offener, wachsamer und

aufmerksamer für das, was „Not tut“. Das kann Kreativität frei setzen, Mut fördern, alte Muster zu verlassen im persönlichen wie im öffentlichen Bereich.

„Ein guter Baum bringt gute Früchte“ zitiert Gundula Mayer Matth 7,17.

 

Reicht das Still-Sein?

Mir sind dabei die Früchte sehr wichtig. Allerdings geht es beim Sitzen nicht um einen Zweck, nicht darum, gute Früchte aufzuweisen. „Absichtsvoll absichtslos sitzen“ lautet die Anweisung.

Doch setze ich mich mit der Frage auseinander, inwieweit das In-die-Stille-gehen angesichts der brennenden Konflikte reicht. Was tun angesichts der

Militarisierung der deutschen Politik, angesichts von Millionen Flüchtlingen aufgrund von wirtschaftlichem Unrecht, angesichts unserer Kirche, die z.B. zu Waffengewalt einen ambivalente Haltung vertritt?

 

Ich sehne mich nach prophetischen, mutigen Worten und Taten, die Schritte zu einer gerechteren Welt gehen. In der Schule sollte gewaltfreier Handeln eingeübt

werden, Kirchen sollten Gelder für gewaltfreie Konflikttrainings bereitstellen,

die Regierung muss ihr Militärbudget drastisch reduzieren und faire

Wirtschaftsbeziehungen pflegen…. Dafür will ich mich einsetzen und wünschte,

dass es möglichst viele tun.

Natürlich kann die Reise nach Innen solches gesellschaftspolitische Engagement mit sich bringen. Das ist jedoch nicht selbstverständlich der Fall. Gundula Meyer

spricht von „Arbeitsteilung“. Die einen seien dazu berufen „auf die Straße zu gehen“ und die anderen treten die Reise in die Stille an.

 

Sie bezieht sich auf Worte der jüdischen Holländerin Etty Hillesum, die 1942 unter

der Naziherrschaft Folgendes in ihr Tagebuch schrieb: „Das ist eigentlich unsere einzige moralische Aufgabe, in sich selbst große Bereich urbar zu machen für die Stille, für immer mehr Stille, so dass man die Stille wieder auf andere ausstrahlen kann. Je mehr Stille in den Menschen ist, desto stiller wird es auch in dieser aufgeregten Welt.“

Die Übung des Sitzens in der Stille ist für mich sehr wichtig. Dennoch halte ich weiterhin an der Bedeutung des öffentlichen Handelns fest. Ist das meine „Berufung“?

 

Unterschiedliche Auf-Gaben

Dazu die Geschichte des frühen Wüstenvaters Abba Poimen und seinen Brüdern.

Eines Tages kam es zu einem gewalttätigen Streit unter den Brüdern. Abba Poimenblieb ruhig sitzen und sah zu. Ein älterer Abba forderte ihn auf einzugreifen,

da es gefährlich sei. Abba Poimen darauf: „Das sind Brüder, die werden sich

vertragen." Kurz darauf rief der andere noch besorgter: „Die bekämpfen sich bis aufs Blut, geh dazwischen!" Abba Poimen antwortete: „Tu als sei ich nicht da."

Abba Poimen sitzt in der Stille und will so Frieden schaffen. Er bleibt gelassen, besteht jedoch nicht auf seiner Haltung als der einzig richtigen. Für Gundula Meyer ist der Wüstenvater davon überzeugt, dass sein Eingreifen nur weitere Gewalttaten hervorruft. Wenn er seine Brüder mit Gewalt zum Ende des Streites überredet, wäre der Konflikt noch nicht ausgestanden. Abba Poimen verkörpert für sie das, was Jesaja lehrt: „Durch Stillesein und Hoffen wird Euch geholfen“(30,15).

 

Mir fallen sofort andere Bibeltexte ein, die das Arbeiten für den Frieden, das Ausüben der Gerechtigkeit, „prophetisches Handeln“ betonen. Allerdings möchte ich nicht das Stillesein und das Dienen (diakonein) wie bei Maria und Marta gegeneinander ausspielen. Beides achte ich als not-wendig.

 

„Give peace a chance“, sang John Lennon. Als frommer Mensch glaube ich, dass Frieden oder schöner noch „Shalom“ immer schon da ist. Das Reich Gottes, die

Wirklichkeit Gottes oder anders formuliert „die große Stille“ ist hinter der

augenscheinlichen Wirklichkeit. Durch das Üben des Sich-Überlassens der Stille

versuchen Menschen dem Frieden, dieser Energie mehr Raum zu schaffen, sie

wirken zu lassen. Sie wirkt auch durch uns.

 

 

In: Junge Kirche, Unterwegs für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung,

4/2015, Uelzen, S. 31 - 32