Messianische Hoffnungskörper

 

Am 15. August vor 100 Jahren wurde Oscar Romero im Osten El Salvadors geboren. Seit seiner Ermordung am 24. März 1980 gilt er als „Heiliger des Volkes“ in seinem Heimatland und darüber hinaus als Schutzpatron ganz Lateinamerikas.

In EL Salvador gibt es bunte Holzkreuze, die ihn als eine moderne Christusfigur darstellen.

Durch ihn zeigte sich in den 1970er Jahren Christus in Mittelamerika, so formulierte es der jesuitische Theologe Jon Sobrino.

Den Wunsch der salvadorenischen Bevölkerung Oscar Romero vom Vatikan heilig sprechen zu lassen,  kann ich nachvollziehen. „Selig“ ist er seit dem 24.5.2015. Damit würde international deutlich, dass dieser aus einfachen Verhältnissen stammende Salvadorianer ein herausragender Mann war, der entsprechende Verehrung verdient. Allerdings sehe ich daneben die Gefahr, dass zum wiederholten Male eine historische Persönlichkeit, ein Mann, zu einem übermenschlichen, heiligen Wesen erhoben wird. Der Abstand zu uns heute Lebenden wird betont und subtil  vermittelt: Wir können nie so sein wie er.

 

Oscar Romero - ein Heiliger?

Oscar Romero hat für mich große Bedeutung, weil er ein Mensch war. Er lebte konkret die Nachfolge Jesu in seinem Kontext vor. Sein Handeln und Reden – und nicht nur seins – kann uns dazu ermutigen, in diesem Sinne heilig zu sein, d.h. zu versuchen, christus- oder gottähnlich zu leben. Solche Heilige, dazu zähle ich auch Jesus von Nazareth, waren und sind nicht perfekt. Sie haben Fehler und Schwächen, ebenso Mut und Phantasie.

Oscar Romero bekam das Privileg zu einer weiterführenden Schule und später sogar nach Rom zum Studium zu gehen. Früh verspürte er den Wunsch Priester zu werden und machte recht bald Karriere in dem kleinen Land, das von Militärdiktaturen beherrscht wurde. Lange Zeit blieb er ein frommer und diakonisch wirkender Priester und Bischof. Die zunehmende Repression der Bevölkerung wollte er nicht wahrnehmen. Erst als sein Priesterfreund Rutilio Grande mit seinem Fahrer 1977 ermordet wurde, erwachte der mittlerweile 60-jährige Erzbischof und radikalisierte sich. Er ergriff öffentlich das Wort und wurde zum Sprachrohr der bedrängten Bevölkerung. Regelmäßige Todesdrohungen erreichten ihn. Häufig zweifelte er an seiner Haltung. Ungefähr ein Jahr vor seinem Tod reiste er für eine Woche inkognito zu einem Psychiater in Mexiko, der ihn untersuchen sollte. Dieser bestätigte ihm Erschöpfung, verordnete ihm jedoch nur Erholung, da er geistig völlig gesund sei.

Oscar Romero war kein Held im herkömmlichen Sinn. Er hatte eine hohe gesellschaftliche Position inne und nutzte seine Macht mutig - in den letzten drei Jahren seines Lebens. Eine lebenslang praktizierte Frömmigkeit war sicher ein Grund für seine überzeugte Gewaltfreiheit. Der Wunsch nach Gerechtigkeit und die Vision eines neuen El Salvadors erfüllten ihn. Allerdings arbeitete er nicht allein. Er war umgeben von ebenso wagemutigen und überzeugten Frauen und Männern. Eine davon war Julia Hernández, Juristin, die jahrelang an der Seite Romeros und nach seiner Ermordung ohne ihn die Rechtsschutzstelle des Erzbistums, der Tutela Legal, aufbaute und leitete. Ihr Name ist eher nur in El Salvador bekannt. Sie starb 2007 im Alter von 68 Jahren und war zeitlebens eine Kämpferin für die Menschenrechte.

Die Verehrung, die Oscar Romero als Erzbischof durch die Armen in seinem Land erfuhr, erinnert mich an die Beschreibung Jesu in den Evangelien. Auch Romero war ein charismatischer Prediger. Jeden Sonntag saßen Dreiviertel der Bevölkerung am Radio, wenn seine Ansprachen übertragen wurden. Darin prangerte er die wöchentlichen Ermordungen und Unrechtstaten an und ermutigte die Hörenden. Viele wollten ihn treffen, berühren, mit ihm sprechen und ihn beschenken.

Nach seinem Tod ließ ihn die Bevölkerung ließ auferstehen. In Gottesdiensten und öffentlichen Veranstaltungen antworten noch heute die Menschen bei der Nennung seines Namens mit „presente“ – präsent, er ist da. Oscar Romero, der wusste, dass er auf der Todesliste der Regierung stand, ist nicht tot, sondern lebt weiter. „Ich werde im Volk von El Salvador wieder auferstehen“, sagte er kurz vor dem 24. März 1980 zu einem Journalisten. Seine Präsenz ist weiterhin in Mittelamerika zu spüren.

Es ist also möglich, so zeigen Oscar Romero und Julia Hernández, es ist möglich in den Fußspuren von Jesus Christus zu gehen; es ist möglich, Gottes Willen zu tun, auch wenn die Macht des Todes, der Lüge und der Fake News immens zu seins scheint. Es ist möglich, die FeindInnen zu entfeinden und ihnen mit Entschlossenheit und Großherzigkeit zu begegnen; es ist möglich, gewaltlos und kreativ Waffen und staatlicher Repression Widerstand zu leisten.

„Du hast die Kugel … ich habe das Wort. Die Kugel stirbt, sobald sie explodiert, das Wort lebt, indem es sich vervielfältigt.“ Dieser Satz wird Berta Cáceres zugeschrieben, einer Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin, die am 3. März 2016, im Alter von 45 Jahren ermordet wurde. Eine Heilige aus Honduras.

 

Der Messias – ein einziger?

„Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“, Lev 19,2. Das ist ein hoher Anspruch. Wir müssen und können nicht fehlerlos, vollkommen und übermenschlich sein. Als Gottes Ebenbilder, als Gottes Töchter und Söhne, sind wir berufen in aller Schwachheit und Zerbrechlichkeit Gottes Willen zu leben. Jesus Christus, „Gottes Sohn“, ist in dieser Sichtweise nicht der einzigartige Sohn Gottes, der einzige, der „wahrer Gott und wahrer Mensch“ war, der einzige, dessen Foltertod ein Sühnetod war und der auferstanden ist.

Jesus von Nazareth sehe ich als einen der vielen Söhne und Töchter Gottes, die auf der Erde wirkten und wirken. In ihm genauso wie bei Oscar Romero, Julia Hernandez oder Berta Cáceres wirkte die „messianische“ Kraft Gottes, die lebendig macht, erneuert, belebt und Bestehendes

in ein ver-rücktes Licht stellt. Der „Messias“ muss nicht notwendig ein einzelner Mann gewesen sein, nicht in der damaligen jüdischen Glaubenswelt und nicht im 21. Jahrhundert für ChristInnen. Der Messias kann eine Gruppe, ein Volk, eine Bewegung sein.

Luzia Sutter Rehmann schreibt: „Jesu biologischer, physischer Körper ist in der Hand der Römer. Aber der Körper des Messias lebt in den Zwölf, die durch alle Wechselgänge der Geschichte nicht untergegangen sind. Die Zwölfzahl weist in die Zukunft, eröffnet Lebensraum und Neuanfang. Wenn sie zusammen sind, sind sie sein Körper, bilden den kollektiven Hoffnungskörper, der in GOTTES Hand liegt – und nicht in der Hand der Großmächte. Dort,

wo Menschen gegen den Hunger arbeiten, geschieht Verwandlung. Die Arbeit verwandelt die nach Brot Hungernden und die Brot Gebenden. Sie macht aus den Einzelnen einen kollektiven Hoffnungskörper, die Hände und Füße des Messias, diesen Körper, den niemand umbringen kann, in den sich aber alle integrieren können, wenn sie lernen wollen, dem Hunger etwas entgegenzusetzen“ (Wut im Bauch, 2016, S.415), dem Unrecht, dem Rassismus und

dem Hass, ergänze ich. Wir können ebenfalls dabei sein, heute und an unseren Orten.                Ich möchte dennoch zum Schluss noch einmal nach Lateinamerika schauen. In den

abgelegenen Bergen in Kolumbien lebt eine höchst gefährdete Gemeinschaft, die uns hier

Mut macht, auf die messianische Kraft unter uns zu vertrauen.

 

„Chocolate de Paz“ - Friedenschokolade

Im Unterschied zu Jesus, Oscar, Julia und Berta sind die Menschen von San José de Apartado, Kolumbien, unsere ZeitgenossInnen. Ich lernte sie durch den Film „Chocolate de Paz“, von Peace Brigades International verliehen, kennen. Sie sind ein lebendiges Beispiel für einen „kollektiven messianischen Hoffnungskörper“.

Die kolumbianische Bevölkerung leidet seit rund 50 Jahren unter einem internen bewaffneten Konflikt zwischen den Streitkräften, para­militärischen Gruppen und verschiedenen Rebellen- und Guerilla­bewegungen (z.B. FARC, ELN). In den letzten Jahren wurde die Landbevölkerung zudem von Drogen­kartellen und transnational agierenden Konzernen, z.B. Siemens, vertrieben. Dabei wird häufig auf die Dienste besagter bewaffneter Gruppierungen zurückgegriffen.

San José de Apartado erklärte sich vor 20 Jahren, am 23. März 1997, neutral. Ein Jahr war vergangen, in dem 10 leitende GewerkschaftlerInnen umgebracht wurden. Die zur Gemeinde zählenden 11 Dörfer und Siedlungen, lehnen Waffen strikt ab, selbst wenn sie weiterhin bedroht, vergewaltigt und getötet werden. Soldaten oder neue selbsternannte bewaffnete Gruppen patrouillieren häufig in ihrer Nähe. Brígida Gonzalez, eine ältere Künstlerin, die in Bildern an die Massaker in ihrer Gemeinde erinnert und deren 15 jährige Tochter im Schlaf von Soldaten ermordet wurde, sagt:„ Ich denke, dass die Erinnerung und die Geschichte all derer, die gestorben sind – sie waren gute FreundInnen – mir die Kraft geben, weiterzumachen. Ich glaube und werde immer glauben, dass der Körper stirbt, aber der Geist nicht.“

Mit viel Mühe und unter großen Anstrengungen haben die Menschen die im Krieg verfallenen Kakaoplantagen wieder aufgearbeitet. Heute können sie so viel Kakao ernten, dass sie ihn an eine englische Kosmetikfirma und die deutsche GEPA exportieren. Verschiedene internationale Nichtregierungsorganisationen begleiten die Friedensgemeinde. Dadurch sind sie im Blick der weltweiten Öffentlichkeit und genießen einen gewissen Schutz.

Ihre größte Stärke ist jedoch ihr Zusammenhalt, der auch durch Gottesdienste gefördert wird. Die Vision von Frieden zwischen Menschen sowie Menschen und Natur und die eindeutige Absage an Hass und Gewalt trägt sie. „Wir wollen dort Leben führen, wo so viel Krieg war; wir fordern Gerechtigkeit und nicht Rache. Wir möchten mit Würde leben und verteidigen unser Land“, erklärt Brígida Gonzalez. Das harte Leben ist in ihren Gesichtern und Körpern eingeschrieben. Wenn sie jedoch im Film sprechen, leuchten ihre Augen. „Jedes Mal, wenn wir einen Kakaobaum pflanzen, widerstehen wir den bewaffneten AkteurInnen. Wir sagen ihnen, dass sie uns nicht töten sollen, wir wollen nur Bäume pflanzen“, so Jesús(!) Emilio Tuberquia.

Die Menschen leben dort mit ständigen Verlusten und Anfeindungen. Und doch scheint ihr Licht hell in einer Region, die von außen gesehen als verloren gelten könnte. Die junge englische Filmemacherin, Gwen Burnyeat, meint: „In den dunkelsten Ecken kannst du manchmal das hellste Licht finden.... Wir müssen Menschen zu sehen helfen, dass nicht alles verloren ist. Wenn die Friedensgemeinde das tun kann, was sie mitten in großer Bedrängnis tut, dann sollte der Rest von uns auch fähig sein, die Welt zu einem besseren Lebensort zu machen.“

 

Wenn Geschwister dort - mit denen wir auch durch GEPA Schokolade verbunden sind - und Geschwister in den Jahrhunderten und -tausenden vor uns sich für Shalom eingesetzt und ihn gelebt haben bzw. heute leben, inspiriert das zur Nachahmung. Vertrauen wir der Messiaskraft, Gottes Kraft, die uns erleuchten und bewegen will.

Brígida Gonzales aus San José de Apartado, Kolumbien

 

 

 

 

 

 

 

 

in: Junge Kirche, Unterwegs für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, 3 /2017, S. 19 - 21