Die Hoffnung entsteht beim Gehen

Anstösse aus El Salvador

Kürzlich hörte ich von Larry Madrigal, einem Theologen aus El Salvador, folgende Geschichte: Eine Gruppe von Frauen in dem Dorf "Bajo Lempa" in El Salvador bat eine Künstlerin, sie bei der Gestaltung eines großen Wandbildes zu unterstützen. Wandmalereien sind in Mittelamerika häufig anzutreffen, oft dienen sie als Mittel, um bestimmten Überzeugungen der Bevölkerung Ausdruck zu verleihen. Larry und seine Kolleginnen vom Bildungszentrum Bartolomé de las Casas begleiteten diese Frauen seit knapp zwei Jahren in einem Prozess, in dem sie mit ihnen ihre furchtbaren Erfahrungen während des Krieges (1980 - 1992) aufarbeiteten.

 

Das Erstaunliche an dieser Idee war, dass die Frauen ein farbenfrohes Wandbild genau an der Stelle malen lassen wollten, wo vor einigen Jahren rund 700 Menschen massakriert wurden. Bis vor kurzem erinnerte nichts an die vielen Toten, da die Erinnerung an dieses Verbrechen von der Regierung verboten war. Nach einem längeren Beratungsprozess einigten sich die Frauen auf folgenden Bildinhalt: 

In der Mitte ist das Portrait des 1980 ermordeten Bischofs Oscar Romero zu sehen, der für Mittelamerika ein Symbol des Glaubens und der Hoffnung ist. In seiner großen rechten Hand ist das bäuerliche Leben der Frauen vor dem Massaker abgebildet. Neben dem Kopf von Romero, im Zentrum, ist das Verbrechen angedeutet, und in seiner großen linken Hand tanzen Frauen und Kinder mit den Skeletten der Ermordeten. Alles ist getaucht in kräftige und bunte Farben, Blumen und Vögel bilden den Rahmen.

 

Auferstehung heute

 

Auf die Frage, wieso sie solch ein lebensbejahendes Wandbild malten, wo doch die Vergangenheit von unerträglichem Leid geprägt war und auch die Gegenwart für sie nicht verheißungsvoll ist angesichts von Armut und Hunger, antworteten die Frauen: Jesus wurde umgebracht und ist wieder auferstanden. Oscar Romero wurde ermordet und er lebt noch heute in unserer Erinnerung weiter. Wenn sie das konnten, dann können wir das auch - den Tod überwinden und das Leben feiern.

 

Das Wandbild wurde im Februar dieses Jahres eingeweiht.  Für die Frauen und ihre BegleiterInnen ist damit ein sichtbarer Schritt vollzogen auf dem langen Weg zur Heilung, der mit der Erinnerung an das Leiden beginnt.

 

Mit psychologisch geschultem Blick kann frau sicher einige kritische Fragen an dieses Unterfangen stellen. Zumal wir wissen, wie lange es dauert, traumatisierende Verletzungen einigermaßen aufzuarbeiten. In existentiellen Notsituationen gibt es dazu allerdings zu wenig Zeit und Geld - wie für diese Landfrauen in El Salvador. Ihre Wunden sind sicher nicht vollständig geheilt, aber sie haben dem Tod ein Stück Leben abgetrotzt und das imponiert mir. 

 

Die brasilianische Theologin Ivone Gebara findet für diese Spiritualität, diesen Glauben von armen Frauen folgende Worte: „Es gibt ein Art Übereinkunft, dass das Leben trotz aller Widersprüche und Paradoxien in Gottes Hand ist. Dies ist Teil der inneren Logik, die die Kultur der Armen bestimmt. Gott antwortet nicht auf theoretische Fragen. Vielmehr trägt er das Leben, er ist im Leben gegenwärtig, er ist allezeit in uns. Im übrigen bleibt uns auch gar keine Zeit, Gott komplizierte Fragen zu stellen!" (in: Die dunkle Seite Gottes, Freiburg i.B. 2000, S. 187)

 

Andere Theologinnen sprechen von dem Heil mitten im Alltag, das zwar nie vollständig und ganz im Moment aufgeht, aber doch für Momente zu schmecken und zu erleben ist.

Silvia Regina da Silva, eine schwarze Theologin aus Brasilien, schreibt, dass in der schwarzen lateinamerikanischen Theologie das Leiden angesichts der andauernden Gewalt gegenüber AfroamerikanerInnen sehr präsent ist. Aber daneben betonen sie - wie die salvadorenischen Frauen - auch die Freude am Leben. „Wir bestehen auf die Wiederentdeckung des Körpers als Ort der Lust und der Freude, auf das Recht auf Glück und darauf, das Leben miteinander zu genießen und teilen. Wir verstehen Feiern und Fest als Orte, wo die Routine unterbrochen und die Offenbarung Gottes im Leben spürbar wird. Dort berühren wir mit der Fingerspitze die Köstlichkeiten des erfüllten Lebens." (in: Freddy Dutz, Bärbel Fünfsinn, Sabine Plonz (Hg.), Wir tragen die Farben der Erde, EMW, Hamburg 2004, S.111)

 

Gerade auf dem Hintergrund eines scheinbar allmächtigen neoliberalen Wirtschaftssystems, das das Leben breiter Bevölkerungsschichten in Ländern des Südens, aber auch des Nordens immer schwieriger und unwürdiger macht, wächst die Einsicht, dass es mitten im Alltag wichtig ist, Zeichen des Lebens zu setzen und kleine Siege des Lebens über den Tod zu feiern.

 

In Lateinamerika haben viele Christinnen und Christen lange gehofft, dass großes politisches und gesellschaftliches Engagement mit der Zeit die lang ersehnte Veränderung hin zu mehr Gerechtigkeit bringe. Die Realität sieht enttäuschend aus - der Kapitalismus und damit eine immer repressivere Regierungspolitik herrscht ungeschminkt. Viele der "kämpfenden" ChristInnen sind in der Gefahr, desillusioniert und erschöpft zu bleiben. Um so wichtiger ist es, Unterbrechungen aus dem harten Alltag und Momente der Ermutigung zu erleben.

 

Die Frauen vom Bajo Lempa geben mit ihrem Umgang mit erfahrenem Leiden einen wichtigen Anstoß. Sie geben sich nicht auf, auch ihre Kinder nicht, und sie bewahren sich den Glauben daran, dass trotz allem das und besonders ihr Leben wertvoll ist. 

 

Die Fähigkeit zu überschreiten, was ist

 

Solch ein Ausflug in die internationale Ökumene birgt immer die Gefahr, dass wir ihre Erfahrungen mit Abstand betrachten und die Verbindung zu unserer Realität nicht herstellen. Wir leben zwar unter völlig anderen Bedingungen, begegnen aber auch dem Tod und wissen häufig sehr genau, was Hoffnungslosigkeit ist.

 

Was diese Geschichte mit den salvadorenischen Frauen deutlich macht, ist, dass die Hoffnung beim Gehen entsteht. Es geht nicht um Aktionismus - Hauptsache etwas tun -, sondern darum, in Bewegung zu sein, sich dem Leben und damit auch dem Leiden zu stellen und nach dem zu suchen, wo ich und wir ansetzen können, so wie wir sind. 

 

Die Frauen vom Bajo Lempa verfügen über sehr wenig, sie sind arm mit all den belastenden Konsequenzen, und dennoch haben sie ein wichtiges Zeichen gesetzt. Dadurch wird die Welt nicht großartig verändert, aber in ihr Leben und das ihres Dorfes bringt es ein besonderes Licht, das die Hoffnung auf Gerechtigkeit nährt.

 

Auch wenn wir in Deutschland über viel mehr verfügen - nicht nur Besitz, sondern auch Bildung und Möglichkeiten zur Einflussnahme - kennen wir Ohnmachtsgefühle im persönlichen wie im gesellschaftlichen und globalen Bereich. Dabei hindert uns zu oft die Frage nach dem "Erfolg". Wir überschlagen vorher lieber, welche Chancen unser Engagement hat und suchen nach fertigen Konzepten. Oder wir legen zu hohe Ansprüche an uns selbst, wir müssten erst noch mehr wissen, weitere Voraussetzungen erfüllen (ein typisches Frauenproblem), um etwas anzugehen. 

Selbstverständlich brauchen wir Reflexion und (strategische) Planung, allerdings in einer Weise, die uns nicht vom nächsten Schritt abhält. Es ist ein "Geheimnis des Glaubens", dass das "Tun des Gerechten" nicht so müde und hoffnungslos macht wie das Nichtstun. Auf dem Weg, unterwegs ändert sich auch unser Blick, machen wir neue Erfahrungen, häufig Begegnungen, die ermutigen.

 

Unser Glauben und unsere Theologie verändern sich. Sie sind wesentlich von dem Ort bestimmt, wo wir stehen oder gehen, wo wir uns einsetzen und einlassen - sei es in der Kirchengemeinde, in politischer Solidaritätsarbeit etc. Gott kommt immer da (intensiver) ins Spiel, wo das Leben bedroht ist. Genau da wird ein lebendiger Glaube und eine lebendige Theologie geboren. 

 

Die Frauen vom Bajo Lempa tun genau das, was Dorothee Sölle als eine Fähigkeit von MystikerInnen beschreibt: "Das Leben auch dort zu lieben, wo es schon lange ...zum Tod verurteilt ist, das ist eine alte Fähigkeit von Menschen, zu überschreiten, was ist. Sie wird ,Transzendenz' genannt oder ,Glauben' oder ,Hoffen'." (Mystik und Widerstand, Hamburg 2001, S. 351) Solch einen Glauben und eine Hoffnung lernt sich nur durch tägliches Einüben. 

 

 

in: Nordelbische Stimmen, Forum für kirchliche Zeitfragen in Hamburg und Schleswig-Holstein April/Mail 2005, S.22-24