Sing mit mir

Von Liedern in Lateinamerika

Junge Frau aus Nicaragua
Junge Frau aus Nicaragua

Ach, arm ist Maria und arm ist ihre Phantasie, denn sie glaubt, sie würde am ehesten in der Hauptstadt aus ihrer Armut herauskommen.  

Ei ja jei!" So lautet der Refrain eines sehr populären Schlagers in Nicaragua von Enrique Mejía Godoy. In vielen Informationsveranstaltungen zu dem Alltag der Menschen in Lateinamerika habe ich diesen Kehrvers mit den Teilnehmenden gesungen. Meist rief er ein Lächeln hervor - wegen des   "Ei ja jei". Das klang lustig. Außerdem ist die Melodie beschwingt und passt scheinbar gar nicht zu der in den Strophen beschriebenen Misere von Maria.

 

Rhythmus und Melodie entsprechen unseren Vorstellungen von den lebenslustigen Menschen in Lateinamerika, die gerne tanzen und trotz Armut vor Lebensfreude strotzen. Diese Bilder sind nicht falsch, denn eine der größten Begabungen vieler Menschen in Lateinamerika ist, aus meiner deutschen Sicht, ihre Fähigkeit, dem Leben Freude und Schönheit abzuringen - das Beste aus dem Vorhandenen zu machen und dabei Humor zu behalten. „Seguir adelante“ – wir gehen weiter, wir geben nicht auf, so heißt das in Lateinamerika. Bei dieser Art von Überlebenskunst spielt die Musik eine große Rolle. Sie kann Menschen in andere Welten versetzen und aus dem harten Alltag herausheben. Das kann durch charismatische Lieder in den unzähligen, meist jungen Kirchen geschehen, aber auch durch romantischste und schmalzigste Liebeslieder.

 

Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, das in den Sehnsuchtswelten der Liebelieder in süßen Farben beschrieben wird, steht in einem krassen Gegensatz zur Realität. In Mittelamerika  gibt es die höchste Rate von Femizidios, von Frauenmorden, und in mindestens einem Drittel aller Familien fehlt der Vater. Männer besingen folglich „Phantomfrauen“, denn ihre eigenen können sie nicht meinen.

 

Arm ist Maria – Pobre la Maria

 

Pobre la Maria“ setzt sich wohltuend von diesen Liedtypen ab und zeigt, welche anderen Kräfte Lieder entfalten können. Der Autor nimmt in den Strophen kein Blatt vor den Mund. Er erzählt, wie Maria von ihrem Mann verlassen wird, der das schwere Leben auf dem Land nicht mehr erträgt. Sie schafft es nicht, sich und die Kinder von der Landarbeit zu ernähren und zieht in die Hauptstadt Managua.

Dort findet sie die üblichen Jobs, die für einfache „Campesinas“ wie sie übrigbleiben: Wäscherin, Büglerin, Lotterieloseverkäuferin und nachts Verkäuferin ihres eigenen Körpers. In dem Lied schnüffeln ihre Kinder Klebstoff und sind sich auf der Straße selbst überlassen. Maria befürchtet, dass sie nie aus der Armut herauskommt – „ei ja jei“. Maria braucht Mitleid und Solidarität.

 

Durch die mitreißende Melodie werden die Zuhörenden angeregt, sich mit dem Leben der vielen „Marias“ auseinander zu setzen und nicht die Augen vor der Realität zu verschließen. Der Rhythmus vermittelt: So muss es nicht bleiben! Das Unrecht darf nicht das letzte Wort haben. Es kann anders werden für Maria und ihre vielen Schwestern.

 

Ich glaube an Dich, Bäckerin und Köchin

 

Frauenorganisationen in Lateinamerika kämpfen für die Einhaltung der Menschenrechte der Frauen. Kirchliche Gruppen unter ihnen fordern eine Theologie und Kirchenpolitik, in der die Gottebenbildlichkeit von Frauen verkündigt und umgesetzt wird. Um das zu verwirklichen haben lateinamerikanische Frauen neue christliche Lieder geschaffen. Lieder prägen sich nachhaltiger in das Bewusstsein der Menschen ein als gesprochene Worte. Ein schönes Beispiel für ein neu formuliertes Gemeindelied stammt von Frauen aus El Salvador. Sie haben das berühmte Credo aus der nicaraguanischen „Misa Campesina“, der Bauermesse, umgedichtet: „Ich glaube an Dich, Bäckerin und Köchin, Wäscherin und Straßenkehrerin“. Es folgt der alte Text: „ Ich glaube an dich, Architekt und Ingenieur, Künstler und Schreiner.“

 

Die Salvadorianerinnen wollten Gott nicht nur mit männlich besetzten Berufen bezeichnen. Ihnen lag daran, ausdrücklich zum Ausdruck zu bringen, dass Gott sich auch in den Tätigkeiten der Frauen, und somit in ihnen, spiegelt. Über diese Umdichtung schmunzeln viele, wenn ich es bei Veranstaltungen singe. Beim Nachdenken über den Text wird allerdings deutlich, wie wichtig es ist, Lieder zu singen, in denen für Gott vornehmlich weibliche Bilder verwendet werden. Es gibt meines Wissens in unserer Kirche kaum ein bekanntes Gemeindelied, wo das der Fall ist.

 

Solange es Gewalt gegen Frauen gibt und solange es nicht normal ist, weibliche (Pro-)Nomen für Gott zu benutzen, nehme ich gerne solche lateinamerikanischen Lieder zu Hilfe.

 

Dank sei dem Leben - Gracias a la vida

Das bekannteste gesungene Gebet aus Lateinamerika, in dem das Wort „Gott" gar nicht vorkommt, stammt von der Dichterin Violeta Para aus Chile: „Dank sei dem Leben – Gracias a la vida“. In Gottesdiensten hat dieser moderne Lob- und Dank-Psalm einen guten Ort. Die Autorin zählt alles auf, wofür sie dankbar ist: den Mann, den sie liebt, ihre Mutter und Geschwister, ihre Füße, die sie durch die Welt tragen, und ihren Verstand. In der letzten Strophe dankt die Dichterin neben den Freuden auch für die Traurigkeiten, denn beides hat ihr Leben und unser aller Leben geformt.

 

Das Lied rührt zutiefst an, selbst wenn mensch kein Spanisch kann. Der Schmerz und die Härte des Lebens klingen in der Melodie mit. Es ist kein fröhliches, leichtes Lied, obwohl der Dank aus jeder Zeile quillt. Die Freude und Dankbarkeit werden vor dem Hintergrund von Trauer, Verlust und  Leiden beschrieben.

 

solange Menschen sensibel bleiben für das Leid ihrer Mitmenschen, solange ihr Herz nicht verhärtet ist, solange werden sie auch empfänglich für tiefe Freude bleiben. Diese Weisheit wird in dem Lied „Gracias a la vida“ spür- und hörbar – und die Botschaft: Mitgefühl und Güte im Herzen geben Kraft für die nächsten Schritte, selbst wenn der Alltag hart ist. Das gilt für Lateinamerika und auch für uns.

 

in: weltbewegt, Dez 2011 – Jan 2012, Schwerpunkt: Musik, Zentrum für Mission und Ökumene, Hamburg,  S. 20 - 21