Du meine Seele singe

Stimmarbeit nach Roy Hart

Wo kämen wir denn hin, wenn alle sagten: Wo kämen wir denn hin?“, so beginnt ein Kanon, den ich vor einigen Jahren bei einer Bibelarbeit auf dem Kirchentag mit den Menschen einübte. Der Text sprach vielen aus dem Herzen. Die Melodie ist schmissig, aber nicht leicht. Die Menschen ließen sich jedoch mitnehmen. Für einige Momente waren wir alle völlig in den Kanon abgetaucht. Es klang himmlisch. 

Eine andere Erfahrung: Ich bin im Konzert einer berühmten Sängerin. Sie singt perfekt und doch fehlt etwas. Der Funke springt nicht aufs Publikum über. Nur an einer Stelle wird es lebendig: Sie erzählt von den Liedern, die sie sonntags als Kind in der Kirche gesungen hat. Als sie ein solches Lied anstimmt, ergreift es das Publikum.

 

Wenn Menschen in Kontakt mit sich sind, durchlässig für ihre Gefühle,  spiegelt sich das in ihren Stimmen. Beim Sprechen und Singen haben sie ein größeres Volumen und verfügen über mehrere Klangfarben. Singt jemand mit dem Herzen,  ist das für andere spürbar und es erreicht sie meistens direkt. Beim Sprechen gilt das auch und ist besonders bei Predigten offensichtlich.

 

Ob  wir nun beim Kirchentag in den Ohren einer professionellen Musikerin einen guten Chor abgaben, war in dem Moment unwichtig. Wir waren „weg“,  waren im Gesang, waren der Gesang und erfuhren fromm gesagt einen Moment des Heils. 

Selbst wenn so etwas unverfügbar ist, können Menschen so singen (üben), dass sie ganz bei dem sind, was sie gerade tun.  Was dabei heraus“tönt“, entspricht nicht unbedingt den aktuellen ästhetischen Normen, aber es ist echt. 

 

Body and Soul

 

„Singen ist archaische Praxis des Lebens. Auf  vorverbale Weise gestalten Körper, Seele und Geist in der Ordnung der Töne die Einsicht, dass die Welt letztlich in Ordnung ist.“, so erklärt der Theologe Manfred Josutis die Liebe vieler Menschen zu Singen. 

Wenn ich Stimm- und Musikworkshops anbiete, dann kommt häufig als Reaktion: „Ich würde ja gerne singen, kann es aber nicht.“ 

Im Centre Artistique International Roy Hart (CAIRH), wo ich meine Stimmausbildung gemacht habe, gehen die LehrerInnen davon aus, dass alle Menschen singen können. 

Es geht „nur“ darum, die psychischen und körperlichen Barrieren zu überwinden, die uns in unserer Stimme und letztlich in unserer Persönlichkeit einengen. 

„Die Stimme ist der Muskel der Seele“, so Roy Hart (1928 – 1975), der Gründer des Zentrums in Südfrankreich, wo Fortbildungen in Gesang, Schauspiel und Präsenz angeboten werden. Roy Hart und sein Team betrachteten die Stimme in engem Zusammenhang mit Körper und Seele. Sie ist nicht einfach die Funktion einer anatomischen Struktur, dem Kehlkopf, sondern der Ausdruck der ganzen Persönlichkeit des Menschen. Diese Erkenntnis zeigt sich in dem Wort „Person“, das aus dem lateinischen per – sonare: (hin)durchklingen - kommt. 

 

In der konkreten Arbeit des CAIRH geht es darum, das Bewusstsein für den eigenen Körper und die eigenen Gefühle zu schulen, denn sie sind die Wurzeln der Stimme. To embody the voice – den ganzen Körper im Dienst der Stimme zu begreifen – darauf  wird in den Kursen des RHT viel Wert gelegt, d.h. praktisch auf die Wahrnehmung des Atmens und viel Bewegung. Das kann Tanzen, Springen, auf dem Boden Robben oder Liegen sein. Wann tut mensch das eigentlich noch, wenn sie oder er nicht gerade Sportlerin oder Theaterschauspieler ist?

Stimmbildung und vor allem –exploration,  das spielerische Ausprobieren und Improvisieren, sind weitere Instrumente. Ziel ist es, die eigene, individuelle Stimme zu entfalten und befreien. Dies hat außerdem heilsame Wirkung, weil einengende Denk- und Gesangsmuster überwunden werden. Die Angst, nicht gut genug zu sein, Fehler zu machen, falsch zu singen, wird abgebaut. Menschen lernen mehr sie selbst zu sein. Das äußert sich wie von selbst in der Stimme.

 

Zur Veranschaulichung hier eine eigene Erfahrung. Ich singe gewöhnlich keine klassischen Lieder und hatte immer Angst vor hohen Tönen. In einem CAIRH-Kurs brachte ich zum Ausprobieren eine Arie von Händel mit, „Lascia ch’io pianga“ – Lass mich dir klagen - , die mir sehr gefiel. In der Einzelarbeit wies mich die Lehrerin an, den Text den anderen zu erläutern. Dann sollte ich  meine Töne, ob nun der Melodie folgend oder darüber hinausgehend, mit Bewegungen unterstützen. Die Anleitung lautete: „Trust your impulses“ – folge deinen Impulsen -  in der Bewegung und in der Stimme. Irgendwann überwand ich meine Angst, mich zu blamieren, und war ganz bei dem Lied. Die Klage in Text und Melodie rührten meine eigene Traurigkeit an und die Tränen flossen. Die Lehrerin ermutigte mich, weiter zu singen. Erstaunlicherweise erreichte ich eine Klarheit in den hohen Tönen, die vorher nicht da war. Ich hatte eine Grenze durchbrochen.

 

Ähnliche Beobachtungen habe ich bei anderen Kursteilnehmenden gemacht. Es herrscht häufig große freudige Überraschung, wenn Menschen ungewöhnte eigene Töne von sich geben, wenn ihre Stimmen höher, voller oder reiner klingen, als sie vermutet hätten. Manchmal kommen Seiten zum Vorschein, die sie sich gar nicht zugetraut hätten. Diese Erfahrungen verändern nicht nur die Stimme, sondern auch den Alltag. Kommt es dann zum gemeinsamen Singen, sind das erfüllte Momente und die Welt ist in Ordnung.  

 

in: Junge Kirche 4 / 2012, Uelzen, S. 57 - 58